Das Thema dieser Arbeit ist die soziologische Beschäftigung mit dem Themenfeld der Wirtschaft. Themen, die üblicherweise unter den Begriff „Wirtschaft“ fallen, werden innerhalb der Soziologie von verschiedenen Teildisziplinen behandelt,...
moreDas Thema dieser Arbeit ist die soziologische Beschäftigung mit dem Themenfeld der Wirtschaft. Themen, die üblicherweise unter den Begriff „Wirtschaft“ fallen, werden innerhalb der Soziologie von verschiedenen Teildisziplinen behandelt, so etwa von der Arbeits- und Industriesoziologie, der Arbeitsmarktsoziologie oder von Teilen der Sozialstrukturanalyse. Doch gibt es eine soziologische Disziplin, die das Thema Wirtschaft insgesamt als ihren Gegenstandsbereich beansprucht: die Wirtschaftssoziologie. Diese hat den Anspruch, ökonomische Phänomene mit Hilfe soziologischer Herangehensweisen zu erklären. Innerhalb der Teildisziplinen hat die Wirtschaftssoziologie damit einen besonderen Platz in der Soziologie inne. Sie konkurriert um ökonomische Themen mit gleich mehreren Teildisziplinen der Soziologie, die sowohl in Deutschland als auch international sehr stark und zum Teil schon seit Jahrzehnten institutionalisiert sind.
Bis heute wird daher unter den Wissenschaftlern, die sich selbst als Wirtschaftssoziologen beschreiben, über den genauen Gegenstandsbereich der Wirtschaftssoziologie debattiert. Seit etwa 20 Jahren gibt es in den USA eine Gruppe von Soziologen, die sich der so genannten „Neuen Wirtschaftssoziologie“ (engl. „New Economic Sociology“) zugehörig fühlt (für eine ausführliche Zitationsanalyse unter 31 dieser Wirtschaftssoziologen siehe Convert/Heilbron 2007). Unter diesen Wissenschaftlern ist das Bedürfnis nach einer genauen Definition und Abgrenzung ihrer Teildisziplin besonders ausgeprägt (Fourcade 2007: 1015).
Auf den ersten Blick scheint die Frage nach der „Identität“ der Wirtschaftssoziologie einfach. Ihr Gegenstandsbereich ist die Ökonomie. Doch was ist Teil der Wirtschaft und was nicht? Gibt es Kernthemen, mit denen sich eine Wirtschaftssoziologie unbedingt beschäftigen muss? Oder, um eine radikale Gegenposition einzunehmen, beinhaltet nicht jede Analyse aus einem soziologischen Blickwinkel automatisch ökonomische Aspekte?
Um diese Fragen, die sich um die Identität der Wirtschaftssoziologie drehen, anzugehen, kann man verschiedene Wege einschlagen. Eine Herangehensweise ist sicherlich die Analyse der akademischen Debatte über die Definition der Wirtschaftssoziologie, die von leitenden, sich der Wirtschaftssoziologie zugehörig fühlenden Wissenschaftlern geführt wird. Hier sind vor allem die Publikationen von Richard Swedberg einschlägig, der sich seit den 1980er Jahren dieser Frage annimmt und wahrscheinlich derjenige Wirtschaftssoziologe ist, der sich am meisten mit der Wirtschaftssoziologie als Fach auseinandergesetzt hat. Dieser widmet sich sowohl der Geschichte der Wirtschaftssoziologie seit der Entstehung der Soziologie im Allgemeinen als auch der spezifisch neuen New Economic Sociology und zählt klare Kernthemen und -theorien der Wirtschaftssoziologie auf. Der geschichtlichen Darstellung Swedbergs bis in die 1970er Jahre des letzten Jahrhunderts stimmen die meisten Wirtschaftssoziologen weitestgehend zu. Über die gegenwärtige Identität der zeitgenössischen Wirtschaftssoziologie ist sich die Gemeinde der Wissenschaftler jedoch nicht im Klaren. Vielmehr hält die Diskussion in zahlreichen historischen Überblicken, Einführungen zu wirtschaftssoziologischen Sammelbänden und Reviews über den Zustand und die Identität dieser Teildisziplin an. Der gemeinsame Nenner der Vertreter der Wirtschaftssoziologie ist dabei lediglich ihr Anspruch an die erklärten Ziele des Fachs und besteht darin, ökonomische Phänomene soziologisch zu erklären (Swedberg 1996: ix). Was dies allerdings beinhaltet, steht weiterhin zur Diskussion.
Um die Diskussion über den Gegenstandsbereich der Wirtschaftssoziologie voranzubringen, wählt diese Arbeit eine ganz andere als die von Reviews üblicherweise verwendete Herangehensweise. Anstatt einige selektive Arbeiten der Wirtschaftssoziologie zu benennen, hat diese Arbeit den Anspruch, den Stellenwert ihres Themenfelds – der Wirtschaft – in der Soziologie darzustellen. Dabei soll untersucht werden, in wie weit sich Soziologen – unabhängig von ihrer formalen Zugehörigkeit zur Teildisziplin Wirtschaftssoziologie – mit der Ökonomie beschäftigen, welche Themen sie interessieren und wie sie ökonomische Phänomene analysieren. Womit beschäftigen sich Soziologen, wenn ökonomische Phänomene im Spiel sind? Welche Themen sind von Interesse und welche Herangehensweisen werden verwendet? Mit Hilfe eines umfangreichen Datensatzes soll hierbei erstmals ein umfassender Überblick über die soziologische Beschäftigung
mit der Ökonomie gegeben werden.
Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Selbstdarstellung der Wirtschaftssoziologie mit der tatsächlichen Beschäftigung mit ökonomischen Fragen in der Soziologie zu vergleichen. Dabei sollen auf der einen Seite die Darstellungen führender Wirtschaftssoziologen über ihr Fachgebiet vorgestellt werden, allen voran Swedbergs ausführliche Beschreibung. Diesen sollen dann die empirischen Ergebnisse zum Stellenwert des Themenfelds Wirtschaft in der Soziologie, zu ihren einzelnen Themen und die für ihre Beschreibung verwendeten soziologischen Theorien gegenübergestellt werden. Die Forschungsfrage lautet dabei: Stimmt Swedbergs Beschreibung der Wirtschaftssoziologie mit der tatsächlichen Beschäftigung der Soziologie mit ökonomischen Themen überein?